Arbeitskreis "Klosterspuren"

Der Arbeitskreis "Klosterspuren" setzt sich aus Vertretern der drei Mitgliedsgemeinden Pforzen, Irsee und Rieden zusammen und befasst sich mit der Geschichte unserer Gegend unter der Irseer Klosterherrschaft im 17./ 18. Jahrhundert. Der Arbeitskreis "Klosterspuren" veranstaltet in Ergänzung zu seiner Projektarbeit jeweils am letzten Mittwoch eines Monats einen öffentlichen Geschichtstreff. Hier wird in lockerer Unterhaltung die Vergangenheit aufgearbeitet und dokumentiert. Sie sind historisch interessiert und haben Interesse an einer Mitarbeit im Arbeitskreis "Klosterspuren"? Bitte wenden Sie sich an Rudi Stiening unter rudi.stiening@t-online.de 


Neu! - Geschichtstreff im Blösch-Bistro

Aufgrund der Corona-Krise steht leider noch kein neuer Termin für den Geschichtstreff fest. Sobald dieser wieder stattfinden kann, finden Sie alle Infos auf dieser Seite. 


Der Arbeitskreis Klosterspuren informiert...

Der letzte Geschichtstreff fand am 25.03.2020 statt und stand unter dem Thema "Messner- und Baderordnung Rieden-Pforzen". Diese wurde vorgetragen von Dr. Stefan Fischer, dem ehemaligen Stadtarchivar der Stadt Kaufbeuren. In seinem Vortrag behandelte er dabei z. B. die vor über 300 Jahren geltenden Hygienestandards und Präventionsmaßnahmen. Im Hinblick auf die aktuelle Corona-Diskussion ergaben sich interessante Bezüge und Vergleiche. Der nachfolgende Beitrag "Von fahrenden Ärzten, Dorfbadern und der Sauberkeit" von Dr. Fischer ergänzt den Vortrag vom 25.03.2020.


"Von fahrenden Ärzten, Dorfbadern und der Sauberkeit"

Mitte Mai 1642 erreicht den Amann von Rieden - das ist die damalige Bezeichnung für das Amt des Bürgermeisters - ein Schreiben seines Landesherrn, mit dem auf die Vorzüge und die Kunstfertigkeit des Occulisten, Stein- und Brucharztes Christof Hernler aus Thingau hingewiesen wird. Abt Maurus berichtet darin von einer Operation, mit der Hernler den dreijährigen Sohn des Bürgermeisters von Ketterschwang von einem Blasenstein welcher nußgross behafft war  befreit hat. Der Bub hätte die Operation überlebt und wäre genesen, durch ernennten Hernlers...vermittelst dessen kunst, vorder ist aber göttlichen segenß. Daher sei dem Arzt Hernler huldvoll gestattet, in der Herrschaft Irsee seine medizinische Kunst anzubieten und zu praktizieren. Es war zu dieser Zeit die einzige, etwas weitergehende medizinische Betreuung der Bevölkerung auf dem Land und in den Dörfern. Einen niedergelassenen Hausarzt gab es in den Gemeinden nicht, ein Krankenhaus im heutigen Sinne war unbekannt und der nächste praktizierende Arzt war der Stadtphysikus von Kaufbeuren. Bei dem war es aber gar nicht sicher, ob er einen Untertanen des Klosters Irsee überhaupt behandelte, denn der Kaufbeurer Arzt war für die Kaufbeurer da- und nicht für die Bauern des Klosters Irsee! So zog nun der Arzt Christof Hernler mit seinem Gehilfen durch die Dörfer der Klosterherrschaft Irsee und bot seine medizinischen Dienste an: Starstechen und die Behandlung von Augenentzündungen, Bruchleiden (Hernie) und Blasensteinoperationen. Diese waren aber eigentlich Notoperationen, ohne Betäubung unglaulich schmerzhaft und blutig und mit meist tödlichem Ausgang. Die Behandlungen fanden in der Regel öffentlich statt, entweder auf dem Dorfplatz oder im Wirtshaus. Wenn dann niemand mehr solche Rosskuren nötig hatte, zog der Arzt weiter ins nächste Dorf, zu den nächsten Patienten. Solche umherziehende Ärzte waren noch bis ins 19. Jahrhundert festzustellen, erst nach und nach etablierte sich von den Kreisstädten ausgehend zunächst in den größeren Dörfern der sogenannte Landarzt.

Für die einfachere, aber wenigstens meistens verfügbare medizinische Versorgung und für die Körperhygiene waren seit dem Mittelalter die Bader zuständig. Über ihre Tätigkeit wissen wir durch die Schmied-, Bader- und Messner-Ordnung von Rieden aus dem Jahr 1660 ziemlich gut Bescheid. So gab es in Rieden ein eigenes Badehaus, das der Bader versorgen musste. Am Samstag wurde gebadet, so legt es die Ordnung fest, der Bader solle alle Sambstag daß Baad biß uf zwölf Uhren mittags fertig halten, auch den Kessel mit dem Wasser, daß er nit verbrenne. Immer bei abnehmendem Mond war Haareschneiden Pflicht, aber die Vorschriften gaben sich flexibel: Ob aber ainen vor der zeitscherens vonnöten wehre, den soll er (der Bader) auch scheren. Besonderen Wert legt die Bauordnung auf die Sauberkeit der Badstube, mit kören (kehren) und ausbutzen alle Samstag ordentlich unnd sauber halten, der Bänke und der Badekübel, die nur zum Baden verwendet werden dürfen und die der Bader ansonsten unzugänglich aufzubewahren hat. Wollen aber Leute mit körperlichen Gebrechen das Bad benutzen, so muss der Bader dem Amann und den Vierern Bescheid sagen und für diese Badegäste sogar ain aigen schermesser unnd  schrepfeisen haben und brauchen. Der Bader wurde von der Gemeinde hauptsächlich in Naturalien entlohnt, die die Bauern ihrem Bader zu liefern hatten. Die Knechte und Mägde jedoch mussten für das Bad bezahlen: ein großer Knecht jährlich 7 1/2 Kreuzer, ein kleiner Knecht, eine Magd oder ein Hirtenbub jährlich 6 Kreuzer und eine Witwe jährlich 10 Kreuzer. Das Ansetzen von Schröpfköpfen wurde mit 1 Heller extra berechnet und an Weihnachten erhielten der Bader und seine Familie von jedem Bauern einen weißen Zelten, das war in unserer Gegend meist ein flaches, rundes Hefeteiggebäck mit getrockneten Früchten.                                                                  Dr. Stefan Fischer

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